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Jenseits der € 1,99 - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 17

von William Powell


Das Internet muss verhext sein. Oder Teufelswerk oder so. Es macht aus - sonst mit Vernunft gesegneten - Menschen, willenlose Glaubenszombies. Ich habe kein Problem damit, wenn mir eine mäßig begabte Fleischereifachverkäuferin ihre Ansichten über die heilende Wirkung von Chia-Samen aufs Ohr drückt. Oder wenn mir John aus Uganda schreibt, dass ich ihm seine 50 Millionen Dollar abnehmen solle. Das ist vielleicht etwas zeitraubend, aber noch nicht schlimm.

Das ist es noch nicht mal, wenn Menschen behaupten, es gebe die Illuminaten oder Dating-Plattformen seien sowas von romantisch.

Schlimm wird es, wenn Online-Experten ins Spiel kommen. Mädels, die rausgefunden haben, wie man eine Kamera bedient und die nun ernsthaft glauben, dass sie Beziehungstipps geben könnten oder die Weltpolitik erklären. Unterlichtete Unboxing-Buben, die überzeugt sind, dass ihr Style-Wissen uns alle beglücken könnte. Ich habe einer professionellen Maskenbildnerin ein Video eines 15-Jährigen YouTube-Stars vorgespielt, die der Welt mal zeigte, wie man Smokey Eyes viel schöner zaubert, als sonst. Schon nach 40 Sekunden brach die arme Frau in derart hysterisches Gelächter aus, dass ich mir Sorgen um ihren Gesundheitszustand machte. Ich hab den Clip dann nach vier Minuten einfach gestoppt, weil sie sich inzwischen vor Lachen auf dem Boden rollte und ohnehin nicht mehr schaute.

Ich erzähle das in eigenem Interesse und aus dem gleichen Grund postuliere ich hier mal folgende „Wahrheit“: Internet-Experten wissen einen Scheiß! Ich weiß das, weil ich irgendwie Internet-Experte zu Internet-Experten bin. Zumindest zu einem – nämlich zu mir. Wer meine kleine Kolumne hier verfolgt hat (und das muss nicht mal aufmerksam sein), wird wissen, dass ich Schwierigkeiten habe, einen Rosé von einem wirklich hellen Rotwein zu unterscheiden. Beim Begriff „Öchsle“ muss ich regelmäßig albern kichern und bei „Tannin“ denk ich im ersten Augenblick eher an europäische Hauptstädte mit T anstatt an „kondensierte Proanthocyanidine“ (keine Angst – das hab ich natürlich gegoogelt).

All das dürfte ziemlich klar sein und trotzdem haben mich jetzt schon zwei Bekannte um einen Weintipp angehauen. Mich! Erst hielt ich es für einen gelungenen Scherz, aber nein – die meinten das ernst. Als ich nachfragte, ob sie die Kolumne auch nur schon einmal gelesen hätten, kamen so Sachen wie „Ja schon – aber das ist doch alles Show, oder?“ Und da überkam es mich – eine Art bösartiges Internet-Experten-Fieber und ich teilte mein reichhaltiges Wissen. Bei den Weißen empfahl ich Katzenberger Nacktarsch, Wetterauer Gerümpel und einen Imbécile total aus dem Galmont (da sollte es aber unbedingt der 2013er sein – die jüngeren korken alle ... auch die mit Schraubverschluß).

Da ja jeder weiß, dass deutsche Rotweine einfach nicht trinkbar sind, wich ich hier auf Franzosen, Spanier und Italiener aus und legte
meinen guten Freunden beispielsweise einen 2010er Pisser du Sang an Herzen. Gefolgt von einem Sangre en las heces und natürlich dem berühmten Ventosa rosso aus dem Frascati. Und was passiert? Ich schaue in dankbare und vor Ehrfurcht leuchtende Gesichter. Die suchen sich jetzt bestimmt einen Wolf und werden hoffentlich nicht allzu schnell den Google Translator anwerfen.

Sonst werden sie – mindestens genauso schnell – ziemlich sauer. Ich bin mir irgendwie nicht sicher, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte.

Vielleicht frage ich mal einen Internet-Experten.



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