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Götterdämmerung 2.0

 

Wen wird die Menschheit im 21. Jahrhundert anbeten? Gott, Allah, oder Google und Amazon?
Wenn es nach Yuval Noah Harari geht, sind die Programmierer die letzteren Beiden. Denn der Homo sapiens steht am Ende seiner Entwicklung und wird bald abgelöst - vom Homo deus. Der Mensch nimmt seine Evolution nun selbst in die Hand, er wird Gott: „Im 21. Jahrhundert werden diejenigen, die im Zug des Fortschritts sitzen, göttliche Fähigkeiten der Schöpfung und Zerstörung erlangen, während diejenigen, die zurückbleiben, vom Aussterben bedroht sind.“

Schon heute kann der Mensch fast alles allein. Sein Wissen wächst jeden Tag rasant, für jede Gefahr und jedes Problem ist er in der Lage, eine Lösung zu finden. Nur eine größere ökologische Katastrophe kann ihn noch aus der Bahn werfen.
In seinem neuen Roman "Homo Deus" verbindet der israelische Schriftsteller Harari neueste Erkenntnisse aus der Geschichte, Philosophie und Wissenschaft in eine packende Zukunftstory. Dies ist sozusagen die Nachfolgeschrift von Orwell´s „1984“.

Das Buch enthält unheimlich viele Daten und Fakten, ist aber auch für den Laien sehr verständlich geschrieben und sehr gut zu lesen. Seine Thesen sind teilweise sehr radikal für Otto-Normalverbraucher, da man sich das große Ganze eigentlich, mit all seinen Auswirkungen, nicht vorstellen kann. Auch die Arbeiten an der Zukunft von Amazon und Google, nimmt man einzeln in der Presse mal war, aber nicht deren Absichten insgesamt.

 

Er beginnt mit einen kurzen Rückblick des Homo sapiens und zeigt anhand von Zahlen auf, das heute viel weniger Menschen durch Krieg und Terror sterben, als es uns unsere Wahrnehmung durch die Medien vermuten lässt (in 2012 120 000 durch Krieg). Die tödlichsten Faktoren sind Suizid (in 2012 800 000) und Achtung, darauf kommt man nie, Diabetes (in 2012 rd. 1,5 Mio.).

Er zieht weiter und erläutert anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass es keinen "freien Geist" des Menschen gibt. Alles nur elektromagnetische Impulse und Algorithmen. Er erklärt die großen politischen und gesellschaftlichen Strömungen Kapitalismus, Kommunismus und Liberalismus. Dabei stellt er heraus, dass die neue Welt der Untergang des Liberalismus und der Demokratie sein wird, denn heute hat kein Politiker auch nur einen Ansatz einer Vision für die Zukunft. Der Fortschritt ist einfach zu rasant für das gegenwärtige Politikmodell. Auch der Islam wird sich an den Algorithmen verlieren: „Islamische Fundamentalisten mögen mantrahaft wiederholen, dass der Islam die Antwort ist, aber Religionen, die den Bezug zu den technologischen Realitäten der Gegenwart verlieren, verlieren die Fähigkeit, die Fragen, die gestellt werden, überhaupt zu verstehen.“

 

Es werden viele Millionen Jobs verschwinden. Nicht nur die Arbeit in der Industrie kann immer mehr durch Computer ersetzt werden. Er zeigt schlüssige und zugleich erschreckende Szenarien auf, wie demnächst Börsianer, Ärzte, Apotheker, Anwälte und auch Manager sich im Arbeitsamt vorstellen können. Keine schöne Vorstellung, oder? Und was macht die Menschheit, mit all diesen "nutzlosen" Homo sapiens dann? Drei Thesen stellt er dazu auf - sehr interessante, aber keine der drei Varianten ist für den überwiegenden Teil der Menschen irgendwie angenehm.
Doch das sind nicht alle Probleme, mit die der neue Mensch sich herumschlagen muss.

Bisher gab es nur Hackerangriffe auf PC-, Bank- oder Google Konten, die jeden persönlich treffen könnten. Es gab Großangriffe auf Firmen und Wahlen. Gefürchtet wird der Angriff auf Infrastrukturen wie Strom, oder Verkehr. Doch nun kommt eine neue Verletzungsfront hinzu. Der Hackerangriff auf den eigenen Körper! Die nächste Schlacht der Menschheit wird lt. Harari zwischen Datensicherheit und Gesundheit ausgetragen werden. Und die Gesundheit wird gewinnen. Schon heute haben viele Menschen der westlichen Welt Fitnessapps zum Aufzeichnen von Schlaf- und Bewegungswerten. Die nächste Stufe wird die Verschmelzung von Mensch und Technik sein. Es werden Nanoroboter in unserem Blut den Körper überwachen und medikamentieren und uns somit zum ewigen Leben verhelfen. Solange wir nicht gehackt werden, denn für diesen All-Inklusive-Service muss unser Körper 24 Stunden online sein.

 

Es ist ein wirklich fesselndes Buch, was der Doktor für Militärgeschichte uns hier ins Osternest gelegt hat. Es sollte auf jeden Fall nicht verpackt im Regal stehen bleiben. Die Zukunft wird uns zeigen, was davon Realität wird, die ersten "Frühblüher" treten jedoch schon in Erscheinung. In der aktuellen Ausgabe der Zeit (Nr. 15/2017) lautet die Schlagzeile: „Für immer jung?“. Zwei Wissenschaftler (Biologie und Mathematik als Studienfach) aus den USA haben einerseits eine „Uhr“ entwickelt, die anhand von Blutproben das Zellalter bestimmen kann. Und es wurde an Ratten getestet, wie es funktioniert, das Leben zu verlängern. Den Tieren Blutplasma wurde von jungen Artgenossen gespritzt. Der Alterungsprozess ist nicht nur gestoppt, sondern sogar umgelenkt worden. Laut Artikel gibt es für reiche Kunden bereits Privatkliniken, die diesen neuen „Service“ anbieten. Unter ihnen befindet sich auch der Sillicon-Valley-Milliardär Peter Thiel. Somit sind einige der Thesen von Harari gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

 

Nach dieser Lektüre wird man die Errungenschaften der Wissenschaften vielleicht genauer betrachten. Es wird sich lohnen, darüber nachzudenken und mit seinen Freunden zu diskutieren und vielleicht in 10 Jahren das Buch wieder zur Hand zu nehmen, und zu vergleichen. Welche seiner aufgeworfen Fragen haben sich wie entwickelt?
Eines lässt sich nicht mehr leugnen: Die Geburtsstunde des neuen Menschen wurde bereits eingeläutet. Die neuen Götter sind die Programmiere, die Wiege der neuen Menschheit ist das Silicon Valley.

Doch eine wichtige Frage wurde nicht geklärt – Wird sich der Homo Deus auch nach einem langen Tag zufrieden mit einem schönen Glas Wein an seine Feuerschale setzen und entspannen, so wie es alle sapiens vor ihm gemacht haben? Und welches kann es denn sein in einer Welt voller Überplanung, Vorahnung und Perfektionismus. Da können doch nur Ausnahme und Zustände voller Glückseligkeit mithalten. Nur welche Rebe hat soviel, dass nicht mehr dazu muss, außer sie ins Holz zu legen und auf den einen Tag zu warten. Das weiße, schnelle, frische, vergängliche kann es nicht sein, der Sonnenuntergangsrosé ebenfalls nicht, der Rote ist irgendwie zu bedeutungsschwanger, um ein ja zu bekommen.
Was bleibt? Die Mischung aus Leichtigkeit und Schwere, der tiefe Sinn und der leichte Weg – der Champagner. Für mich ist das der Tarlant Cuvée Louis Extra Brut.

In diesem Sinne
Schöne Ostern
 



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