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Jenseits der € 1,99 - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 9

von William Powell
 


Wer auf dem Land wohnt, sollte einfach nicht zu oft in die Stadt fahren. Mit „Land“ meine ich in diesem Falle nicht, die Vorstadt, die anstatt drei eben sieben Stationen weiter vom Zentrum entfernt ist.

Nein, ich meine Gegenden, wie die, in die mein Weib mich vor einigen Jahren verschleppte: Am Arsch der Welt links und dann noch mal gut 20 Minuten durchs Geräusch. Wenn du hier wohnst, fallen dir Szenen im Urbanen auf, für die der normale Städter nicht mal ein müdes Zwinkern erübrigt. Heute stolperte ich fast über etwas, das sich in der Nachbetrachtung als studentisch gefüllter Parka herausstellte, dessen Inhalt gerade versuchte, Parolen an einen Glas-Container zu sprayen.

Auf den Knien! Bei winterlichem Siffwetter. Nun könnte man meinen, ein solch junger, engagierter Mensch hätte eben etwas zu sagen in bewegten Zeiten, aber „Lea du Schlampe“ ließ mich dann doch nicht auf politisch oder religiös geartetes Sendungsbewusstsein schließen.

Als ich ihn fragte, warum er dieser recht fragwürdigen Freizeitgestaltung nachgehe - und noch dazu in solch ungesunder Haltung, bekam ich die ultimative (und auch bemerkenswert reflektierte) Antwort: „Hab suviel Bier trunken“

 

Da sieht man mal, was das Teufelszeug anrichten kann. Als ich darüber sinnierte, fiel mir Evelyn wieder ein, mit der mal eine Zeitlang in einer WG gewohnt habe. Immer wenn sie Whiskey trank, rief sie ihren Ex-Freund an und heulte ihm die Ohren voll.

Besser gesagt, sie versuchte es, allerdings war besagter Ex inzwischen recht glücklich verheiratet (vielleicht nicht immer in exakt diesen Momenten, wenn das Telefon klingelte) und Evelyns Neigung zu Schottlands Nationalgetränk schlug meist gegen vier in der Nacht durch. Beide Faktoren verkürzten die Gespräche immens.

Zumindest die, mit ihrem Ex-Freund. Fast zwangsläufig wanderten meine Gedanken weiter zu meinem ehemaligen Nachbarn Edmund, der dreimal nackt aus dem Dorfbrunnen gefischt wurde, nachdem er beim Schützenfest zu viele „Hütchen“ getrunken hatte.

Dreimal!! Und das sind noch die harmloseren Destillate - von Tequila will ich gar nicht erst anfangen. Allein der Geruch erzeugt Verschwörungstheorien!

 

Aber Wein … das ist ein ganz anderes Thema. Zugeben - auch mit Wein kann der geübte Trinker ein Stadium erreichen, das in surrealen oder peinlichen Momenten endet (manchmal in surreal peinlichen), aber ich habe das Gefühl, diesen Eskapaden haftet noch etwas kreatives, beinahe Schaffendes an. Nehmen Sie französische Gärten.

Ich wäre wahrscheinlich unter den ersten, die sagen, dass es kaum etwas Überflüssigeres, Protzigeres und Schrulligeres gibt (käme drauf an, ob meine Schwiegermutter zuhört - wenn ja, wäre ich vielleicht doch eher unter den Zweiten).

Ich würde zustimmend nicken, wenn man behauptete, dass diese Form der Landschaftsgestaltung wahrscheinlich von einem verliebten und leicht autistischem Mathegenie im volltrunkenen Zustand erdacht wurde .… aber es hat was. Genau wie das spanische Hofzeremoniell. Selbst der ängstlichste , kleinkarierteste und anale Zwangscharakter von einem Erbsenzähler bekommt dabei Verstopfungen und Verhaltungen … aber es hat was. Genau wie die Werke von MC Escher oder Peter Greenaway.

 

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder, der behauptet, er würde Greenaways Filme verstehen, entweder lügt oder sich gerade einer leichten Stechapfel-Diät unterzieht oder beides. Einschließlich Greenaway selbst.

Ich bin aber genau so fest davon überzeugt, dass Greenaway Weintrinker ist. Leidenschaftlicher. Einer, der sich aufregen kann, wenn der Wein die falsche Temperatur fürs richtige Bouquet hat. Einer, der für einen Chateauneuf du Pape auch mal ein ganzes Wochenende sausen lässt, um das Tröpfchen alleine und selig lächelnd zu genießen.

Nicolas Cage sehe ich übrigens immer nur Bier trinken!

 



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