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Jenseits der € 1,99 - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 7

 

„Der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns zu verderben ..“ - wie gut, dass ich nichts Hochprozentiges trinke und spätestens bei Amaretto oder Eierlikör die Segel streiche. Und dennoch sah ich ein wenig alt aus, als ich am Dienstag in eine Diskussion mit meiner fünfjährigen Tochter geriet.
„Was trinkst du da?“
„Wein.“
„Kann ich mal probieren?“
„Nein - das ist Alkohol, das ist nichts für Kinder.“
„Warum nicht?“
„Weils ein bisschen ungesund ist.“
„Und warum trinkst du sowas dann?“
Mist!

 

Ist mir egal

 

Und was sagst du jetzt? Ich hatte Glück, denn im Grunde war ihr Interesse schon bei „Nein“ erlahmt und nachdem ich nicht gleich antwortete, drehte sie sich schulterzuckend um und schaute nach interessanteren Dingen.

Ich bin mir trotzdem sicher, dass weder sie, noch das beste Eheweib von allen die Antwort „Weils schmeckt!“ besonders gut gefunden hätten. Und auch „Weil Dienstag ist“ wäre bestimmt nicht so gut angekommen, obwohl da was Wahres dran ist.

 

Unsere Nachbarn sind stringent

 

Nachbarn von uns essen Freitags grundsätzlich Fisch und mein Bruder kehrt jeden Samstag die Straße.

Keiner von beiden lebt sonst streng christlich, aber den Habitus haben sie beibehalten. Außerdem ist Donnerstag Kinotag, Sonntags haben die meisten Ehepaare Sex, Montag ist Pendlertag und wir trinken Dienstags gerne einen Wein … oder zwei.

 

Welcher Tag ist Wein-Tag?

 

Begonnen hat das alles vor Jahren und lustigerweise kann sich der Mensch, der das ausgelöst hat, selbst gar nicht mehr daran erinnern. Der hatte damals nämlich jeden Dienstag Betriebsrats-Sitzung und kam danach regelmäßig bei uns vorbei.

Nun ist dieser arbeitnehmerfreundliche Mensch noch dazu Weintrinker und so brachte er das eine oder andere Fläschchen mit. Wir waren damals noch kinderlos und hatten dementsprechend auch noch ein soziales Leben außerhalb von Elternbeirats-Abenden und Play-Dates.

Da war es nur normal, dass auch andere Menschen Zeit mit uns verbrachten und weil der Dienstag ja ohnehin „verplant“ war, luden wir den Rest der Mischpoke eben dazu ein. Der Punkt, den ich im Nachhinein nicht erklären kann, ist, warum niemand auf die Idee kam, zu diesen Dienstagen mal Bier mitzubringen. Wie auf ein geheimes Signal hin tranken wir ausschließlich Wein.

 

Am Anfang war ich Packesel

 

Zu Anfang besorgte ich den noch für die größer werdenden Runden, aber die Begeisterung für meine Einkäufe hielt sich eher in Grenzen. Verständlicherweise fanden sich somit immer öfter Freiwillige, die mir diese Last abnahmen.

Ehe wir es uns versahen, erklang der Schlachtruf „Es ist Dienstag!“ völlig unabhängig von uns in den Reihen unserer Freunde und nicht nur für uns gehörten Dienstage und Wein einfach zusammen - egal, was an diesem Tag sonst noch anstand.

Das führte unter anderem dazu, dass wir das Halbfinale der Fußball-WM zwischen Deutschland und Italien bei einem sehr netten Riesling genossen, der die schmerzvolle Niederlage mehr als wett und den Abend selbst für die Mädels erträglich machte.

 

Einige Jahre später

 

Heute ist der Kreis von damals in alle Himmelsrichtungen und Länder verstreut, die meisten von uns haben Kinder und fordernde Jobs und auch die Bequemlichkeit fordert ihren Tribut. Aber nach wie vor ist mein Pawlowsches Glöckchen der unhörbare Klang, wenn der Montag in den Dienstag übergeht.

Spätestens ab dem Nachmittag setzt das leichte Lechzen nach einem Wein ein und es wundert sich keiner, wenn wir abends eine Flasche köpfen - außer meiner Tochter vielleicht. Und ich bin mir fast sicher: Sollten wir es mal wieder schaffen, uns vom Lego-übersäten Spielteppich aufzuraffen und die alte Bande zusammen zu trommeln, wird es wahrscheinlich an einem Dienstag sein - inzwischen denke ich, sogar so weit zu sein, den Wein selbst mitzubringen … eventuell einen Riesling vom Kießling in Heilbronn.

Das reimt sich und ist lecker.
 



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