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Jenseits der € 1,99 Aus einem Leben als Unwissender - Teil 25

von William Powell


Das mag jetzt unglaublich klingen, aber es gibt offenbar noch Hoffnung für mich. Nicht, dass ich noch zu einem echten Weinkenner heranwachse – so optimistisch wäre nicht mal ich – aber dass ich mich nicht mehr so schlecht fühle deswegen. Und das Schöne ist, meine Hoffnung basiert auf dem Fakt, dass ich faul und doof bin ... oder besser gesagt, dass ich fauler und doofer bin, als der anerkannte Wein-
Experte und auch dazu stehe.

Meine neue Theorie basiert auf zwei Experimenten (einem neuen und einem alten), die im Grunde gar nichts mit Wein an sich zu tun haben, sondern mit Menschen und deren Eitelkeiten.

Kenner der Szene haben bestimmt schon vor Jahren davon gehört und sich – im Gegensatz zu mir – nicht beeindrucken lassen. Auch das dürfte ein Grund sein, weswegen ich kein waschechter Experte mehr werde ... mir fehlt die professionelle Chuzpe. Ich hätte mich als Oenologe nach diesen Erkenntnissen wahrscheinlich verschämt zum Arbeitsamt verdrückt und eine Umschulung beantragt. Zum Marketingassistenten oder Friseur. Ich habe allerdings von keinem Fall gehört, bei dem das auch tatsächlich passiert wäre ... aber ich hör ja auch nicht alles.
 

Das erste Experiment fand 1998 an der Universität Bordeaux statt. Befragt wurden mehrere Dutzend Studenten und Dozenten des Fachbereichs Weinkunde. Dafür bekamen die Probanden je ein Glas Rotwein und ein Glas Weißwein vorgesetzt und trugen die Ergebnisse in Formblättern ein. Der Rote bekam Ergebnisse wie dunkel, tief und holzig. Dem Weißen wurden – wie zu erwarten – Attribute wie fruchtig, trocken oder blumig zugeschrieben. Eine Woche später wurde das Experiment wiederholt und zeitigte – wie sollte es anders sein – fast identische Ergebnisse. Was die Probanden nicht wussten: Die Tester hatten den Rotwein ausgetauscht – besser gesagt, gefälscht. Es war nämlich der exakt gleiche Wein, wie in den Weißweingläsern, nur rot eingefärbt. Und die Profis bemerkten es nicht. Kein bisschen. Lustig.

 

Nun haben Wissenschaftler gleich zwei Erklärungen dafür geliefert: Eine physische und eine psychische. Rein körperlich laufen visuelle Erkenntnisse im Gehirn mit einer 10 mal höheren Geschwindigkeit ab als die, mit denen wir olfaktorische oder geschmackliche Ergebnisse auswerten können. Die Gehirne der Testpersonen hatte das Signal „Rot“ also viel früher erhalten als jedes andere. Und hier setzt dann das psychologische Element ein, denn weil die Testpersonen Weinexperten waren, versorgte sie ihr Gehirn schon vor dem Schmecken mit all den Informationen die nun mal zu Rotwein gehören: Tanninhaltig, beerige Geschmacksnoten, weicher als Weißwein und und und .... Ein völlig unbedarfter Mensch ohne Vorkenntnisse hätte vielleicht erkannt, dass es sich um den gleichen Wein handelte. Die Oenologen aber waren verheddert in des Kaisers neue Kleider.

 

Das zweite Experiment ist von Marketing-Psychologen durchgeführt worden und betraf nicht nur Wein. Die fanden nämlich heraus, dass Produkte mit langen und komplizierten Namen ein höheres Maß an Vertrauen beim Verbraucher auslösen. Nicht, dass die Produkte auch mehr gekauft würden, aber wenn sie erstmal im Einkaufskorb liegen, sind sich die Menschen sicher, auch etwas wirklich Gutes ergattert zu haben. Bei Wein gilt dieses Prinzip eigentlich gleich doppelt, denn dem allergrößten Teil der Menschheit geht es offenbar genau wie mir: Sie haben das überwältigende Gefühl, überhaupt keine Ahnung davon zu haben, was gut ist und was ihnen schmeckt. Oder sie sind so selbstzerstörerisch veranlagt wie ich und sind sich sicher, dass sie die verkümmertsten Geschmacksknospen westlich des Ural haben. Dann ist der Umstand, dass einem etwas schmeckt eher ein Anzeichen für die absolute Minderwertigkeit dieses Spülwassers, dass man sich als Wein schön geredet hat. Mein Vorteil solchen Namenstricks gegenüber ist, dass ich zu faul bin, lange und komplizierte Namen zu lesen. Wenn ich schon zu Beginn sehe, dass ein Tropfen mehr als fünf oder sechs Silben auf dem Etikett zu bieten hat, schaltet etwas in mir ab. Vor allem, wenn es auf Französisch da steht. Wer liest so etwas? Ich nicht!

 

Ja, natürlich weiß ich (in meinen guten Momenten), dass weder der Wein noch die Experten an sich etwas für diese Minderwertigkeits-Komplexe können – auch wenn man das Gefühl nicht los wird, dass diese Mistkerle ihre vermeintlich elitäre Überlegenheit bei jeder Gelegenheit auspacken müssen. Allerdings tun das Autonarren, Computerfreaks und Kulturkritiker auch und da juckt es mich nicht die Bohne. Ja ja – sowas ist hausgemacht und an diesem Leiden werden auch diese Ergebnisse nicht viel ändern. Aber sie geben dem rachsüchtigen Kind in mir ein hübsches Gefühl der Genugtuung. Vor allem bei dem Gedanken, dass ich damals eventuell genug Mut gehabt hätte, zu rufen: „Aber der Kaiser ist ja ganz nackt!“. Wird man ja wohl noch träumen dürfen.



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