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Jenseits der € 1,99  - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 22

von William Powell


Kennen Sie Hanau? Wenn nicht, sollten Sie Abstand davon nehmen, sich ad hoc schlecht oder unwissend zu fühlen. Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, es gibt Leute, die Hanau kennen und sich wünschten, es wäre nicht so (aber was sind schon Beweise – wir leben ja schließlich im Zeitalter gefühlter Wahrheiten).

 

Bevor die wenigen Hanauer Hurra-Patrioten auf die Brüder Grimm, von Grimmelshausen oder gar Rudi Völler verweisen können, sei gesagt: Bestimmt gibt es viel hässlichere, langweiligere und auch schrägere Städte, als Hanau. In Chemnitz beispielsweise will man angeblich nicht mal tot überm Gartenzaun hängen und Mönchengladbach soll nicht mal im Rückspiegel hoffnungsvoll aussehen. Aber da hab ich noch nie gewohnt – in Hanau eben schon. Und ich weiß natürlich auch, dass Hanau vor dem Krieg mal eine Schönheit gewesen sein muss. Mit einer wundervollen Altstadt und Herrenhäusern, die rund um zentrale Plätze majestätisch in die Höhe ragten. Wahrscheinlich – ich war ja nicht dabei.

 

Als ich dort hauste, war Hanau ein verschandeltes Provinzstädtchen mit dem Charme eines Katzenklos. Auch wenn sich inzwischen viel getan hat und auch wenn Hanau in den Außenbezirken (wie viele andere dieser gebeutelten Perlen auch) durchaus schöne bis romantische Ecken hat, bleibt dieses Bild irgendwie hängen. Und das prägt dann die Erwartungshaltung, die man an einen solch traurigen Ort hat ... zumindest meine ... zumindest bis jetzt .... na ja – ich will keine Garantien für Hoyerswerda, Mannheim oder Völklingen abgeben, aber meine Erwartungshaltung an Hanau hat sich definitiv um einiges erhöht.

Alles begann an einem Donnerstag Abend, der nett anfing, cool weiter ging und großartig endete. Das beste Eheweib und ich hatten uns einen freien Abend herausgeschlagen und uns entschlossen, diese gewonnene Zeit extrem klassisch – ja beinahe klischeehaft – zu verbringen. Auch wenn wir schon seit Monaten keine Ahnung mehr haben, welche Filme gerade laufen, hipp sind oder gesehen werden müssten, wollten wir dem Kinokomplex in Hanau einen enthusiastischen Besuch abstatten und uns irgendetwas reinziehen. Völlig egal, ob sinnfreier „Schießfilm“ (ein herrlicher Ausdruck meiner Frau) oder schwer erträglicher Kunstscheiß mit schwülstig moralischer Botschaft – Hauptsache es lief ohne die Unterbrechungen, die ein Abend im heimatlichen Haupthaus regelmäßig für uns bereit hält: „Daddy – ich muss Pippi!“ – „Mama – ich glaub, in meinem Zimmer ist ein Wolf!“ – „Wieso dürft ihr fernsehen und ich nicht? Wieso?!!“

 

Wir entschieden uns für die Florence Foster Jenkins Story und weil wir bis zur nächsten Vorstellung noch fast 90 Minuten Zeit hatten, wollten wir eben vor dem Film etwas essen gehen. Also schlenderten wir vom Kino in Richtung dessen, was sehr euphemistisch gestimmte Menschen eine Innenstadt nennen und suchten nach einem passenden Restaurant. Überrascht von unseren Momenten der unverhofften Zweisamkeit verplauderten wir uns ein wenig und fanden uns relativ schnell in einer schlecht beleuchteten Nebenstraße wieder, die in Punkto Gastronomie nicht besonders viel versprechend wirkte. Nur aus einem winzigen Laden drang Licht auf die Straße und ein näherer Blick zeigte, dass es ein kleiner und schmuddelig wirkender italienischer Lebensmittelladen war. In einem der Schaufenster waren staubige Flaschen mit Olivenöl und große Dosen mit eingelegtem Gemüse gestapelt.

 

Das zweite Fenster zeigte deutlich, dass der Laden wohl mal ein Friseursalon gewesen war (ein verschämt in einer Ecke vergessenes Waschbecken war ziemlich verräterisch) und gab den Blick auf einen improvisierten Tresen und zwei wackelige Plastiktische nebst dazu passenden Stühlen unter ein paar zerkratzten Leuchtstoffröhren frei. Nichts, was ich ein Restaurant, eine Kneipe oder ähnliches nennen würde. Nichtmal die Worte Bistro, Kantine oder gar Kaschemme kamen mir beim Anblick der Kunststoffsitzgelegenheiten in den Sinn. Ich kenne Bushaltestellen, die einladender sind. Unerschrocken wie sie nunmal ist, packte meine Frau meine Hand, steuerte sofort auf den Eingang zu und verkündete: „Hier sollten wir es mal versuchen!“ Was soll ich sagen – die breit grinsende italienische Oma, die uns begrüßte, nährte mein Misstrauen genauso wie die hinkende Bedienung, die uns den Hauswein kredenzte oder die vierschrötig aussehenden Männer, die in einem Nebenraum Karten spielten und uns durch den Spalt der angelehnten Tür musterten. Ich bestellte die hausgemachten Ravioli („vorhin erst gemacht – wirklich“) und das Weib bekam die letzte Portion von der Empfehlung des Tages: Risotto.

 

Der Wein war nett, aber nichts Besonderes – ein ordentlicher Grauburgunder aus der Pfalz – eine Spur zu warm für meinen Geschmack und machte auch nicht unbedingt Hoffnung auf das, was noch kommen sollte. Kurz bevor aufgetischt wurde, überraschte mich der Laden das erste Mal. Die grinsende Omi kam noch einmal zu uns und empfahl zum Essen einen anderen Wein, als den in unseren Gläsern. Sie hätte da einen sehr hübschen Tropfen aus dem Friaul, der Heimat ihres verstorbenen Mannes („Gott hab ihn selig“), der zu unserer Essenswahl hervorragend passen würde. Ich wollte zwar noch ein bisschen fachmännisch die Stirn kraus ziehen und mich kokett zieren, aber die vor Übermut strotzende Amazone, die mich geheiratet hat, rief sofort: „Na logo – ist eine super Idee!“.

 

Und so öffnete Ömchen eine Flasche Ribolla Gialla aus dem Collio, während uns das Abendmahl in leicht angeschlagenen Tellern vorgesetzt wurde. Ab da war alles anders. Das Essen war – gelinde gesagt – überirdisch fantastisch deliziös und der Wein passte derartig gut dazu, dass ich mich zusammenreißen musst, um ihn nicht gleich in den Teller zu kippen und einfach das Gesicht den Abend über hinein zu legen. Ich esse gerne und ich esse gerne gut, aber ich bin schon lange nicht mehr so umgehauen worden, wie auf diesen billigen Plastikstühlen und unter diesem gnadenlosen Kunstlicht. Irre! Die Ravioli waren perfekt, gefüllt mit frischem Blattspinat, der deutlich zu schmecken war und der eine Forelle umschmeichelte, die ich vom Fleck weg geheiratet hätte, wenn das möglich gewesen wäre. Dazu rollte mir ein Weißwein über die Zunge, der unglaublich trocken war, dabei aber eine federleichte, zitronig frische Fruchtnote aufwies und ganz am Schluss so irgendwie an Honig erinnerte. Irre, irre, irre!

 

Den Rest des Abends verbrachte ich in einer leichten Trance, genoss ein Stück Schokoladentarte mit einem verführerischen Roten namens Schioppettino und sehr lustigen Geschichten von den Burschen aus dem Nebenzimmer. Den Film haben wir natürlich nie gesehen, ist uns aber egal ... das ist nämlich die perfekte Ausrede, um demnächst mal wieder nach Hanau zu pilgern – dieser Perle unter den städtischen Vogelscheuchen.
 



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