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Jenseits der € 1,99 - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 21

von William Powell


Ich hasse Tom Cruise. Und das Weingut Kees-Kieren. Und Ausflüge an die Mosel hasse ich auch. Und Menschen mit Smartphones – die ganz besonders! Und am meisten meinen Kumpel Jan ... sorry Exkumpel Jan, sollte ich wohl sagen.

Ist doch wahr – welcher Mensch mit halbwegs gesundem Menschenverstand lädt mich denn zu einem Ausflug mit Weinverköstigung ein? Bestimmt niemand, der mehr als zwei Beiträge dieser Kolumne über sich ergehen lassen musste. Und auch niemand, der mich länger als zwei Tage kennt. Das tut man sich einfach nicht an – und mir auch nicht.

Nun kann man bei Jan entschuldigend ins Feld führen, dass er Holländer ist ... keine Ahnung, ob die schmerzresistenter sind oder einfach keine Ahnung von deutscher Weinkultur haben ... aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass es zu seinen Gunsten ausgelegt werden sollte (Lass den Mann in Ruhe, der ist Holländer ...). Ich habe mich außerdem doch sehr vom Teilnehmerfeld blenden lassen.

Jan erzählte mir, dass er die Tour regelmäßig mit Arbeitskollegen und alten Studienfreunden unternimmt. Jan ist Buchalter und hat zuvor Wirtschaftsinformatik studiert. Ist es wirklich so blauäugig, dass ich von einer Horde nerdiger Pullunderträger ausgegangen bin? Bin ich naiv, wenn ich glaubte, dass die Buben zwar bei der Weinprobe mitmachen, sich aber ansonsten eher an einer Maracujasaftschorle festsaugen würden? Offensichtlich!

Vielleicht hätten mir die vielen Anthrax- und Iron Maiden- T-Shirts, die mir beim Einsteigen in Jans alten VW-Bus, entgegensprangen, eine Warnung sein sollen. Aber die Jungs mit den blassen Gesichtern, den dünnen Oberärmchen und den gut sichtbaren Bauchansätzen wirkten dennoch unglaublich harmlos. Und sie waren ja auch nerdig! Irgendwie. Und es kreisten ja auch Flaschen voller Maracujasaftschorle. Zunächst. Irgendwann später kreisten auch konisch geformte Zigaretten mit einem sehr eindeutigen Geruch nach getrocknetem Cannabis. Aber dazwischen tuckerten wir noch – vorwärtsgepeitscht von Bruce Dickinson und Lars Ulrich – durch einen warmen, sonnigen Herbsttag an die beschauliche Mosel. Komischerweise klaffen ab da schon die ersten Erinnerungslücken an die Reise an sich und das Kaff im Besonderen.

Nun ist Graach zwar ein nettes und pittoreskes Fleckchen Erde, das jetzt aber auch nicht unbedingt danach schreit, des Längeren beschrieben zu werden. Aber es gibt mehr, als nur vage Hinweise darauf, dass meine schwächliche Gedächtnisleistung nicht nur mit der fehlenden Attraktivität von Graach an der Mosel zusammen hängt. Die Weinprobe fand in einem sehr schönen Gewölbekeller mit viel Holz und schummriger Beleuchtung statt und selbst ich stimmte dem allgemeinen Tenor zu, dass der Domprobst Kabinett Riesling wirklich sehr, sehr lecker schmeckte. Und – genau wie alle anderen auch – war ich der Ansicht, dass wir uns dringend mit einer ausreichenden Menge dieses gesegneten Getränks versorgen sollten.

Ab hier gehen die Meinungen darüber, was passiert ist, lautstark auseinander und selbst die vorgelegten Videobeweise überzeugen mich nicht wirklich. Immerhin habe ich es hier mit Softwarespezialisten zu tun. Was weiß ich denn, was die nicht alles angestellt haben, um Dinge so aussehen zu lassen, wie sie es nun tun. Immerhin habe ich noch nie den Tanz aus Risky Business nachgespielt. Nie! Ich wusste nicht mal mehr, dass es diese Szene überhaupt gibt und fand den Film auch eher blöde ... zumindest bin ich davon inzwischen überzeugt.

Außerdem bin ich schon seit dem Studium kein Anhänger des Schwedenschwimmens mehr. Wer springt denn auch Ende September nackt in einen Fluss? Ich nicht! Und wer bitte soll dieser nackte, singende Mensch auf diesem verwackelten Handyvideo wirklich sein? Vielleicht isses ja Bigfoot! Pah.

Traurig finde ich vor allem, dass sich bis heute niemand bei mir entschuldigt hat, dass ich nass und stark zusammengerollt auf der beschränkten Ladefläche des Busses zu mir gekommen bin. Das tut man nicht mit älteren Menschen, die sich offenbar im Zustand nach einem anaphylaktischen Schock befinden. Die Burschen haben ja nicht mal versucht, herauszufinden, auf was ich so schlimm reagiert haben muss. Und das Dreisteste ist, dass sie durchweg behaupten, ich sei schon nach der zweiten Flasche so ausgeflippt, während ansonsten alle mindestens drei bis vier der Pullen zu sich genommen hätten.

Der Teil der Heimfahrt, den ich noch mitbekam, verlief in eisigem Schweigen. Zumindest von mir aus. Mir doch egal, dass sich die anderen fröhlich singend die Zeit vertrieben. Versöhnlich stimmte mich lediglich, dass sie mir beim Aussteigen noch eine volle Kiste Graacher Domprobst in die zittrigen Hände drückten. Der steht jetzt ganz hinten im Keller und wird nicht angerührt. Schon gar nicht von meiner Frau. Das verräterische Weib hat sich die Videoaufnahmen von Jan schicken lassen und bricht jedesmal in hysterisches Gegacker aus, wenn sie sich diese infamen Fälschungen anschaut. Hatte ich erwähnt, dass ich Menschen mit Smartphones hasse?



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