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Jenseits der € 1,99  - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 20

von William Powell


Warum mach ich das immer wieder? Warum lasse ich mich dazu überreden, in Restaurants zu gehen, die von sich glauben, oberhalb eines bestimmten Niveaus zu sein ... hauptsächlich über meinem. Egal, wie alt ich werde und egal, wieviel ich erlebe, ich kriege in diesen Schuppen einfach das Gefühl nicht los, permanent alles irgendwie falsch zu machen. Einschließlich das Atmen. Da kann das Essen dann noch so gut sein – ich entspanne mich in solchen Läden einfach nicht.

Ich glaube übrigens, die Bedienungen da drin riechen das. So wie Hunde oder Pferde angeblich Angst wittern. Und dann nähern sie sich. Mit einem Lächeln, das der Freundlichkeit eines zynischen Hais entspricht - und der verdammten Weinkarte in der Hand. Natürlich wird das Lächeln noch ein bisschen breiter, während sie mir das diabolische Machwerk reichen und meiner Frau freundlich (und wissend) zunicken. Die Gemeinsten unter ihnen bleiben dann stehen und schauen zu, wie du mit den Augen hilflos durch das Weinkauderwelsch stolperst, das die Mistkerle dir da vorgesetzt haben. Stehen einfach da – so rechts hinter einem und verziehen keine Miene. Warten nur ... und genießen den Angstschweiß, der sich auf deiner Stirn bildet, dir den Nacken hinunter rinnt und deine Brille beschlagen lässt.

Ein Freund hatte mir gesagt, der Fehler sei, die Initiative abzugeben. Man müsste - so seine Theorie - dem Kerl zeigen, dass man die Situation unter Kontrolle hat. Am besten, indem man ihm den Ball zurückspielt. Oh ja – toller Trick ... hab ich jetzt versucht, indem ich den Kellner fragte, welchen Wein er mir denn zu den hausgemachten Ravioli mit Steinpilzen und Lamm empfehlen würde.

Der elende Knecht verbeugte sich kurz, verschwand und schickte mir den Weinkellner. Das sind Folterspezialisten, die in dunklen Weinkellern in der Provence gezielt gezüchtet werden. Der Mensch brauchte natürlich nur 14 Sekunden, um zu bemerken (oder auch zu riechen), dass sich meine Kenntnisse von Wein rasend schnell der Null-Linie nähern ... und zwar von unten.

Also hat er mir einen Vortrag gehalten, wie vollkommen die leicht moussierende Säure vom 2011er Dingsdabums mit den stark eisenhaltigen Proteinen des Lammfleischs harmonieren würde... an diesem Punkt traute ich mich nicht mal mehr, meinem geliebten Weib ins Gesicht zu schauen, sondern nickte nur huldvoll. Zumindest hoffte ich, dass es huldvoll wirken würde und nicht allzusehr nach dem Zucken eines Hühnerkopfes aussah. So fühlte es sich nämlich an.

Und was macht der Kerl? Bringt die Flasche, entkorkt sie und schenkt mir ein Pfützchen zum Probieren ein. Obwohl er weiß, dass er mir in diesem Moment auch mit Brackwasser verdünntes Schweineblut ins Glas kippen könnte und ich mich nicht wehren würde. Aber Gott sei es gedankt kam mir meine Frau in diesem Augenblick dann doch noch zu Hilfe. „Aber bitte, Maestro“, säuselte sie. „Wir geben uns ganz in Ihre Hände!“ Und dann ließ sie sich ein Glas füllen, schwenkte es kurz, hob es elegant an, um mir und dem Weinfolterer zuzuprosten und kippte es in einem Zug runter. Die entsetzte und leicht angeekelte Miene des Kellners völlig ignorierend, stellte sie das Glas schließlich ab und meinte nur: „Ja sehr nett ... obwohl er ein bisschen kratzt im Hals.

Und jetzt hab ich einen Mordshunger!“ Ich schwöre zu Gott ... nächstes Mal traue ich mich das auch. Vielleicht in einem etwas günstigeren Etablissement ... und mit schon 14 Wein im Kopf – aber dann ganz bestimmt!


 



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