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Jenseits der € 1,99 - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 2

 

Weißwein - das war als Jugendlicher irgendwie an sich schon ein schwieriges Thema. Das war etwas, das Eltern tranken (siehe Beitrag Nummer 1) und das größtenteils seltsam schmeckte.

Inzwischen habe ich zwar die Theorie, dass Teenager-Geschmacksknospen mit den vielen Nuancen, die Wein haben kann, schlicht überfordert sind - meinem 17-jährigen Ich half das aber auch nicht weiter.

Zudem war Weißwein einfach nichts, was einem in Filmen vorgeführt worden wäre … zumindest nicht in den vertretbaren, in denen es ordentlich rummste, wo mit Schwertern rumgefuchtelt wurde oder (meist ohne erkennbaren Grund) nackte Brüste durchs Bild getragen wurden. In diesen Filmen wurde Rotwein getrunken … oder über besagte Brüste laufen lassen ... aber doch kein kultivierter Weißwein.

 

Der rote Korsar und Sandokan

 

Der rote Korsar verlangte nicht nach einem Riesling, Sandokan ließ sich keinen Chardonnay munden und wenn doch, hätten ihn wahrscheinlich alle für ein Weichei gehalten. Selbstverständlich wirft das ein eher trauriges Licht auf meine von Vorurteilen geprägte Jugend … und darauf, dass Weicheier schon immer mehr Stil hatten als ich … aber Weißwein war einfach nicht vertretbar mit 17 am bayerischen Untermain.

Roter war das Zeug, das Mann von Welt so trank - und Brandy! Aber Getränke mit einem Alkohol-Gehalt höher als 20% habe ich noch nie vertragen. Allein der Geruch von Tequila macht mich heute noch krank und Whiskey verursacht mir beim Hinsehen Kopfschmerzen.

 

SchwippSchwapp und mein Bruder

 

Ganz so hart war und ist mein innerer Kerl dann eben doch nicht und da es noch noch ein paar Jährchen dauern sollte, bis ich genug Selbstbewusstsein hatte, Almdudler und SchwippSchwapp in der Öffentlichkeit zu trinken, musste es Rotwein sein, wenn ich ein wenig herausstechen und nicht, wie alle anderen, Bier trinken wollte.

Also machten wir - mein Bruder, unser Nachbar und ich - uns auf die Socken, um den passenden Wein für etwaige Video-Abende (an denen es ordentlich rummste, selbstverständlich) und die eher seltenen Zweiertreffen mit vermeintlichen Dorfschönheiten (auch hier halfen einige Gläser weiter) zu finden.

 

Le Patron ist peinliche Rückschau

 

Mangelnde Erfahrung, mangelnder Geschmack und - vor allem - mangelnde pekuniäre Bestückung ließen uns schließlich bei einem Großmeister des Rotwein-ähnliches Igitt heraus kommen - beim Chef persönlich: Le Patron!

Die leicht peinliche Rückschau fühlt sich inzwischen ein bisschen an wie die Momente, die wohl jeder von uns kennt: Du hast irgendwie einen guten Tag, fühlst dich leicht und beschwingt und triffst deinen aktuellen (supertollen und anbetungswürdigen) Schwarm.

 

Am Patron wird festgehalten

 

Aber hey - das ist dein Tag und du schleichst dich an, machst ein paar Sprüche und fühlst dich fantastisch … bis du dein Spiegelbild im Schaufenster siehst und dir Rotz aus der Nase läuft/eine Augenbraue fehlt/Essensreste in der Größe Russlands zwischen deinen Zähnen hängen oder sonst irgendein Mist, der dich schneller in den Rinnstein spült, als du „peinliche Panne“ murmeln könntest.

Und dennoch hielten wir am Patron fest, glaubten an den bodenständigen Zauber „ordentlichen aber günstigen“ Tischweins und wussten fast zwei Jahre nicht, dass die essigähnliche Gülle uns wahrscheinlich größere Teile unserer Leber kostete, als alle Schmerzmittel, die wir uns in der Zeit kombiniert reinpfiffen.

 

Grundgesetz und Genfer Konvention

 

Erstaunlicherweise ist Le Patron auch heute noch käuflich zu erwerben und scheint nicht Artikel 1 GG oder den Genfer Konventionen zum Opfer gefallen zu sein. Dennoch ist es heute nichts mehr für mich, denn meine Erziehung war ja mit Tankstellenwein noch nicht abgeschlossen - Gott sei Dank.

Die nächsten großen Entdeckungen der Oenologie machte ich übrigens im Ausland … aber das ist eine andere Geschichte.

 Derzeit angetan hat es mir übrigens der 2013er Merlot vom Weingut Weinmann. Die führen den zwar unter Alltagswein ... für mich ist er etwas besonderes.



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