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Jenseits der € 1,99  - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 16

von William Powell

 

Und wieder ist ein Plan beim Teufel. Und wieder bin ich mir nicht sicher, ob es an mir lag oder am Plan. Oder ist es so, wie mein Bruder mir seit Jahren heimlich zuflüstert „Gott hasst dich...“ Wer weiß das schon.

Dabei war es ein guter Plan ... also so im Kern. Ich hatte ein wenig über die gemeinsame Geschichte nachgedacht, die die Menschheit und der Wein inzwischen miteinander hinter sich gebracht haben ... ob die wohl damals einander vorgestellt wurden? „Menschheit – Wein, Wein – Menschheit.

Vertragt euch, wenns geht. Gott out“ ...

Egal, auf jeden Fall ist klar, dass Wein für sehr lange Zeit eher das Getränk des Adels und des vermögenden Teils der Menschheit war. Für den Pöbel gabs Bier oder zumindest etwas, das sich Bier nannte.

Selbst das Reinheitsgebot ist ja mit 500 Jahren vergleichsweise jung und das Gesöff, das vor dieser Zeit gebraut wurde, hatte mit frisch gezapftem Pils etwa so viel zu tun, wie die Nummer 17 in scharf mit authentischer kantonesischer Küche. Aber der Wein von anno Tobak war durchaus trinkbar, wenn man Historikern Glauben schenken mag.

Die Griechen haben es mit dem Harz wohl etwas übertrieben und die Ägypter haben Honig dazu gekippt, aber dazu fallen einem bestimmt ein paar Dutzend Weinsünden von heute ein, die es damit aufnehmen können.

Waren also die Braumeister früherer Zeiten einfach unglaubliche Dilettanten, während wir die Winzer als vom Genius geküsste Künstler sehen müssen? Eher nicht. Wahrscheinlich war es auch schon damals so, dass die Nachfrage das Produkt bestimmte.

Der Anspruch, den die meisten Konsumenten ans Bier hatten, war, dass es den Durst einigermaßen löschte und dass es knallte. Es war ein Massenprodukt, das zudem nicht zu viel in der Herstellung kosten durfte.

Bei Wein war das ganz anders – da gab es eine kleine und sehr spezialisierte Truppe, die ihre Anforderungen kannte, formulierte und auch durchsetzte: Die Mundschenke! Wahrscheinlich unterschieden sich die meisten Adeligen, Könige oder Superreichen nicht wesentlich vom Rest der tumben Masse, wenn es um exquisiten Wein ging – sie hatten keine Ahnung.

Aber sie konnten jemanden mit Ahnung bezahlen. Und nach allem, was man weiß, verdienten Mundschenke und Vorkoster nicht schlecht. Okay – da gab es die Kleinigkeit, dass man vergiftet wird anstelle des Großwesirs, aber immerhin.

Viele Mundschenke stiegen in hohe Positionen auf und ab dem Mittelalter ist es als erblicher Titel nachgewiesen.
Das war dann auch Mittelpunkt meines Planes: Ich würde versuchen, mir einen eigenen Mundschenk zu besorgen.

Sollte der doch für mich rausfinden, welchen Wein ich mag. Bin ich eher der Weißwein-Typ oder sollte ich mich besser an die Roten halten (wehe er schlägt mir Portugieser rosé vor – dann knallts)? In welcher Preiskategorie des Weines fühle ich mich wohl und warum darf Nicolas Cage immer noch Filme machen.

Fragen über Fragen also, die ich an den Mundschenk hätte und deren Beantwortung mich ein bisschen mehr aus den ach so vertrauten Gefilden der Ahnungslosigkeit hinausführen würden. Wie es der Zufall wollte (oder wars Vorhersehung) fand in unserer Gegend gerade ein Mittelalterfest statt, in dessen Rahmen man auch bei einem „authentischen mittelalterlichem Gelage“ teilnehmen konnte.

Keine Frage, dass ich mir diesen historisch/kulinarisch/önologischen Leckerbissen nicht entgehen lassen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht – also zumindest nicht gleich, denn es sprang dort tatsächlich ein Mundschenk herum und der schenkte auch ganz brauchbares Bier aus. Es war ein süffiges, dunkles, böhmisches Bier, das vielleicht eine Winzigkeit zu süß war, aber immerhin.

Dann bat ich den Lakaien um einen Rotwein, und was mir da serviert wurde, trieb mir die Tränen der Empörung in die Augen ... vielleicht wars auch der Ekel, gemischt mit Wut und dem Wunsch, ihm die Brühe ins Gesicht zu spucken ... es war auf jeden Fall nicht schön. Natürlich stellte ich den Spezialisten zur Rede und nach etwas Rumdruckserei gestand er, dass er von Wein echt so keine Ahnung habe und sowieso viel lieber Bier trinke.

Meinen völlig verdutzten und verdummt wirkenden Gesichtsausdruck ignorierend, grinste er ein wenig verlegen und meinte achselzuckend: „Ich weiß nicht mal, ob ich Wein und Apfelwein so richtig auseinander halten könnte!“ Ich war nahe dran, den betrügerischen Mistkerl zu schlagen, als meine Tochter ins Fachgespräch eingriff: „Das weiß ich – Apfelwein ist Wein mit Apfelsaft!“ Was willst du da noch sagen?
 



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