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Jenseits der € 1,99 Aus einem Leben als Unwissender - Teil 14
von William Powell

 

Ich habe vorgestern mal wieder den Paten gesehen – nicht meinen, sondern den Film mit Marlon Brando und Al Pacino.

Das Ganze war der Abschluss einer kleinen Selbstbeobachtung, die ich durchgeführt habe. Es ist nämlich so, dass dieser Film den größten kulinarischen und önologischen Effekt auf mich hat. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, muss ich Chianti trinken und Cannelloni essen.

Jedes Mal! Und das muss nicht mal guter Wein oder hochwertige Pasta sein. Es kann passieren, dass ich den Film anfange und nach spätestens 10 Minuten – so die Läden noch freundlich die Tore geöffnet halten – losstürme und hektisch ins Weinregal greife. V

öllig egal, was für ne Plörre das dann ist, Hauptsache jemand hat freundlicherweise das Wort Chianti irgendwo auf dem Etikett unter gebracht.

Und das ist wenigstens ein Film, bei dem ich es noch bemerke. Wer weiß denn schon, was ich mir so alles reinpfeife, wenn ich – zombiegleich – nur vor der Glotze hocke und konsumiere? Also musste ein kleines bisschen Nabelschau her und siehe da: Ich bin gar nicht sooo schlecht. Also nicht immer.

Zu Chocolat waren es noch gut zwei Kannen Kaffee... keine Ahnung, warum. Ich habs auch erst gemerkt, als mir nachts um halb zwei die Pumpe ging wie ein schlechter Techno-Beat aus den Neunzigern.

Aber da ich nun ohnehin wach war, ließ ich es gleich knallen und tat mir Alien an. Ist echt eine super Idee. Mitten in der Nacht und auf Kaffee-High. Not! Trotzdem hab ich es geschafft, nur wenig zu quieken und gar nicht zu schreien.

Dafür habe ich eine Tüte gesalzenes Mikrowellen-Popcorn, den Rest der sauren Pommes und eine halbe Flasche südafrikanischen Cabernet Sauvignon gekillt. So ganz schweres und tiefrotes Zeug, das einem noch Stunden später einen hartnäckigen Teppich auf die Zunge zaubert.

Laut dem besten Eheweib von allen, hab ich den kläglichen Rest der Nachtstunden mit einem derart ohrenbetäubendem Schnarchen verbracht, dass unser Jüngster nur deswegen nicht aus dem Bett fiel, weil er sich mit seiner Schmusedecke an die Gitterstäbe gekettet hatte. Angeblich.

Am nächsten Tag schaute ich Before Sunrise. Mein Weib schmachtete und seufzte immer wieder mal – ich fand ihn ganz nett. Allerdings stellte ich erst hinterher fest, dass der Streifen bestimmt von einem verkleideten Teufelswinzer erdacht worden ist.

Der Film wirkt nicht nur wie ein leichter Weißwein an einem Sommerabend, er verführt auch zu genau diesem. Ehe ich es mich versah, hatten wir doch glatt zweieinhalb Flaschen grünen Veltiner von Thorsten Melsheimer weg gepichelt. Eben mal so.

Und zum Abschluss dann eben den Paten. Nach fast zwei Litern Weißwein und einem zuvor genossenen und extrem leckeren Risotto mit grünem Spargel. Da sollte man doch meinen, dass sich ein halbwegs vernunftbegabter Mitteleuropäer zusammenreißen und ein Wasser trinken kann. Oder eine Apfelsaftschorle. Natürlich erlag ich den verbrecherisch-sizilianischen Einflüsterungen des Don Corleone.

Die Pizzeria Da Franco freute sich über meine nächtliche Nudelbestellung und mein Schwiegervater ist um einen 2013er Chianti Classico Volpaia ärmer.

Und trotzdem – auch wenn ich die kommenden zwei Woche ohne Filme und mit sehr viel Wasser leben werde – bin ich insgesamt nicht unzufrieden mit mir.

Das allerdings lag an einem Erlebnis, das ich dann gestern noch hatte. Im Penny standen zwei junge Frauen an der Kasse vor mir und unterhielten sich darüber, wie sehr sie sich auf den Mädelsabend freuen würden.

Als ich dann unauffällig die Produkte beschielte, die die beiden aufs Laufband gelegt hatten, wurde es mir doch ein bisschen schwummerig. Da lagen zwei Tetrapacks mit der extrem simplen Aufschrift: Weißwein! Lieblich! Kann man auch machen.

 



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