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Jenseits der € 1,99 - Aus einem Leben als Unwissender - Teil 13

von William Powell

 

Microsoft ist mein Freund. Also jetzt nicht unbedingt die Firma an sich oder Bill Gates (obwohl das schon cool wäre), sondern die Wissenschafts-Abteilung.

Die haben nämlich gerade eine Studie veröffentlicht, wonach ich gar nicht dran schuld bin, dass ich nicht weiß, welchen Wein ich denn jetzt gut finde.

Schuld ist der Computer. Oder besser gesagt, der Umstand, dass ich am Computer arbeite. Viel und oft. Laut Microsoft gehöre ich zu den Individuen, des digitalen Wandels. Bei mir – und den anderen Kreaturen der vergangenen Jahre - haben sich halt neue "kognitive Leistungen" für den "digitalen Lebensstil" herausgebildet.

Jawoll – ich bin der moderne Mensch! Da kann Wein, als altes Kulturgut, quasi gar nicht mehr mithalten.

Oder um es mal mit den Machern besagter Studie zu sagen: Mein Smartphone ... meine Kinder ... mein Computer ... meine Freunde ... an jeder Ecke buhlt heute etwas um meine Aufmerksamkeit.“ Sie sehen schon – mein Riesling oder mein Cabernet Sauvignon kommen in der Aufzählung schon gar nicht mehr vor.

Laut Studie ist die Fähigkeit, sich für längere Zeit nur auf eine Sache zu konzentrieren, rapide gesunken.

Im Jahr 2000 lag die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne noch bei 12 Sekunden. Jetzt kann die Konzentration gerade noch einmal 8 Sekunden aufrechterhalten werden, bevor ein Wechsel eintreten muss. Acht Sekunden! Und das ist schon das Maximum!

Ja, was kannst du denn in acht Sekunden in Erfahrung bringen? Besonders über etwas so komplexes wie Wein?

Ich habe mal den Selbstversuch gemacht und mich am Weinregal meines Supermarktes getestet. Zunächst näherte ich mich – die irritierenden Blicke meiner Miteinkäufer ignorierend - den verlockenden Flaschen im Rückwärtsgang ... sonst hätte ich die Dinger ja gesehen und das wäre von meiner Zeit abgegangen.

Mit einer auf acht Sekunden eingestellten Stoppuhr bewaffnet riss ich anschließend den Kopf herum und versuchte mir in den wenigen Augenblicken einen Wein auszusuchen. Gelandet bin ich bei einem Neuseeländischen Sauvignon Blanc von 2015 mit einem putzigen Kiwi auf dem sonst eher schlichten Etikett.

Schmeckte – trotz des Preises von € 6,50 - selbst mit von Eiswürfeln betäubter Zunge grauenhaft. Danach musste ein Süss&Fruchtig Riesling aus Württemberg in den Korb. Kostete € 3,49 und schmeckte eher wie 49 Cent. Und schließlich fand ein französischer Roter für € 2,98 den Weg zu mir. Nannte sich Carignan Syrah von Les Vignerons und ist wohl die moderne Variante von Le Patron. In der Spaghetti-Sauce war er super.

Was heißt das jetzt? Erstens, dass es mit meinen (ohnehin schon äußerst bescheidenen) Fähigkeiten, sich brauchbaren Wein selbst auszusuchen, in diesem Leben nicht mehr besser werden wird. Wohl eher schlechter.

Das heißt auch, dass ich weiterhin auf Empfehlungen von Freunden und wohlwollenden Winzern angewiesen sein werde ... hat ja auch fantastisch geklappt bis jetzt. Vielleicht sollte ich mir die Namen der Weine, die besonders lecker schmecken auf die Haut tätowieren lassen ... wie der Typ in Memento?

Oder ich kauf mir einen Goldfisch und nehme den künftig beim Einkauf mit. Goldfische haben immerhin eine Aufmerksamkeitsspanne von 9 Sekunden! Soll der doch aussuchen.
 



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